Branche
Quelle: Roland Berger

Volatilität ist die neue Normalität

 

Die deutsche Molkereiwirtschaft steht vor einer Zeitenwende. Schwankende Rohstoffpreise, ein beschleunigter Strukturwandel, wachsender Margendruck im Commodity-Geschäft und der technologische Wandel durch Künstliche Intelligenz verändern die Spielregeln der Branche grundlegend. Auf Basis von Branchenexpertise und intensiver Marktanalyse hat Roland Berger sechs Hypothesen zur Entwicklung der deutschen Milchwirtschaft in den nächsten Jahren formuliert.

Hypothese 1: Volatilität ist die neue Normalität

Der Milcherzeugerpreis in Deutschland unterliegt immer stärkeren zyklischen Ausschlägen. Ende 2025 ist der Rohmilchpreis innerhalb von nur vier Monaten um über 30% eingebrochen im Süden wesentlich langsamer als im Norden Deutschlands. Die Ursachen sind vielfältig: abweichend von den Prognosen gibt es aktuell ein erhebliches Überangebot an Rohmilch. Rund 50 bis 60 Prozent der Kosten für die Milcherzeugung entfallen auf Futterkosten. Diese reagieren hochsensibel auf geopolitische Handelsrestriktionen. Auch die Energiekosten sind zuletzt erneut sprunghaft gestiegen – europäische Gaspreise legten an einem einzigen Tag mehr als 38 Prozent zu. Weil etwa die Hälfte der deutschen Milchproduktion exportiert wird, ist der Markt von geopolitischen Risiken unmittelbar betroffen. Umso wichtiger ist es für Unternehmen, Forecasting-Exzellenz und Handlungsgeschwindigkeit als strategische Kernkompetenzen aufzubauen – kombiniert mit einer soliden Eigenkapitalbasis, die hilft, Ergebnisschwankungen abzufangen.

Hypothese 2: Marktkonsolidierung schreitet voran

Die Konsolidierung der deutschen Milchwirtschaft schreitet in hohem Tempo voran. So ist die Zahl der Milchviehbetriebe von rund 94.000 im Jahr 2010 auf circa 50.000 im Jahr 2024 gesunken – ein Rückgang von mehr als 55 Prozent in nur 13 Jahren. Gleichzeitig ist die Gesamtmilchmenge mit rund 32 Mio. Tonnen stabil geblieben. Auf der Verarbeitungsseite hat sich die Zahl der Molkereien nahezu halbiert. Prägende Fusionen wie der geplante Zusammenschluss von Arla Foods und DMK zur größten Molkereigenossenschaft Europas verdeutlichen die Dynamik. Die Analyse zeigt: Unternehmen brauchen einen Umsatz von mindestens 250 Mio. EUR, um im Lebensmitteleinzelhandel dauerhaft relevant zu bleiben und mit ausreichend Verhandlungsmacht ausgestattet zu sein. Doch Größe allein reicht nicht. Genauso entscheidend ist eine klare Differenzierung über regionale Verankerung oder funktionale Produktalleinstellung.

Hypothese 3: Wachstum erfordert Neuausrichtung

Die Margen sprechen eine eindeutige Sprache: Während Commodity-Molkereien EBIT-Margen von häufig unter 2 Prozent erzielen, können spezialisierte Molkereien mit differenzierten Produkten 5 bis 10 Prozent und mehr erreichen. Das größte Wachstumspotenzial liegt dabei klar abseits des gesättigten Massenmarktes: funktionale Milchprodukte wie Protein-Drinks wachsen global mit einer jährlichen durchschnittlichen Wachstumsrate von 6 bis 8 Prozent. Unternehmen müssen sich aktiv neue Wachstumsfelder erschließen.

„Um ihre Zukunftsfähigkeit sicherzustellen, ist es für Molkereien fundamental, künftiges Wachstum durch strategische Partnerschaften, milchnahe Diversifikation, anorganisches Wachstum und gezielte Internationalisierung in dynamische Märkte sicherzustellen“, sagt Tobias Kramolowsky, Director bei Roland Berger.  Ein Exportanteil von 30 bis 50 Prozent sollte für überregionale Molkereien strategisches Ziel sein. Bei der Ausfuhr von Käse ist Deutschland schon heute Spitzenreiter.

Hypothese 4: Schnelles und unternehmerisches Handeln als Erfolgsfaktor

Ein Blick auf die Finanzstruktur der Branche zeigt einen markanten Unterschied: Während unternehmergeführte Privatmolkereien Eigenkapitalquoten von 40 bis 60 Prozent aufweisen, liegt der Wert bei genossenschaftlichen Betrieben oft nur bei 15 bis 25 Prozent. Genossenschaften verarbeiten zwar rund 60 bis 65 Prozent der deutschen Rohmilchmenge, sind durch ihre Abnahmeverpflichtung und langsame Gremienentscheidungsprozesse – die oft Monate bis Jahre dauern – allerdings deutlich weniger flexibel. Erfolgreiche Molkereien verankern daher eine Kultur des schnellen, proaktiven Handelns: In wirtschaftlich guten Phasen müssen strukturelle Optimierungen in Produktion und Organisation aktiv vorangetrieben werden – nicht erst, wenn die Krise eintritt. Geschwindigkeit ist ein strategischer Wettbewerbsvorteil.

Hypothese 5: Milch bleibt Kernprotein mit Relevanz

Trotz des Hypes um pflanzliche Alternativen bleibt tierische Milch das dominante Protein in der deutschen Ernährung. Mit einem Umsatz von 30 Mrd. EUR in 2025 gehört Deutschland zu den größten Milchmärkten Europas. Pflanzliche Alternativen machen aktuell nur rund 4 Prozent des Gesamtmarktes aus. Aus ernährungsphysiologischer Sicht kann Kuhmilch klar punkten: Mit rund 3 g Protein pro 100 ml ist sie dem Haferdrink mit rund 1 g/100 ml deutlich überlegen. Fast drei Viertel der deutschen Verbraucher bevorzugen natürliche Zutaten – ein Trend, der tierische Milch gegenüber hochverarbeiteten pflanzlichen Produkten zusätzlich begünstigt. Molkereiunternehmen sollten sich offensiv auf ihr Kerngeschäft fokussieren und die offensichtlichen ernährungsphysiologischen Vorteile klar kommunizieren. Gleichzeitig sollten sie den Markt für Alternativen kontinuierlich beobachten.

Hypothese 6: KI transformiert alle Unternehmensbereiche

Künstliche Intelligenz steckt in der Molkereiwirtschaft noch in den Kinderschuhen: Nur 15 bis 20 Prozent der deutschen Lebensmittelunternehmen setzen KI aktiv ein. Dabei sind die Potenziale erheblich: Durch KI-gestützte Planung und Logistik lassen sich Kostensenkungen von 10 bis 15 Prozent in der Milchwertschöpfungskette erreichen. Wer jetzt nicht investiert, läuft Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Eine schrittweise, gezielte Transformation ist der richtige Ansatz: in reifen Anwendungsbereichen starten und Effizienzpotenziale in Produktion, Supply Chain und Einkauf systematisch heben.

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