In seiner Begrüßungsrede anlässlich der Jahrestagung des Milchindustrie-Verbandes am 23. Oktober in Dresden ging der MIV-Vorsitzende Detlef Latka (Foto) auf die extremen Schwankungen am Milchmarkt ein. Nach dem zweithöchsten Milchpreis aller Zeiten im Vorjahr befinde sich der Milchpreis inzwischen auf einem Fünfjahrestief. Verlässliche Prognosen seien kaum noch möglich. Umso wichtiger sei die Digitalisierung: Mit dem Beschluss für eine gemeinsame Datenplattform und ein branchenweites Datennetzwerk habe die Mitgliederversammlung dafür einen wichtigen Grundstein gelegt.
KI: Nutzen statt nur regulieren
Das Potenzial Künstlicher Intelligenz (KI) für die deutsche Wirtschaft und insbesondere die Milchwirtschaft zeigte Sushel Bijganath, octonomy AI, auf. Gleichzeitig machte er deutlich, dass Deutschland im internationalen Wettbewerb zurückzufallen droht. Während die USA und China massiv in KI investieren, beschäftige sich Deutschland vor allem mit deren Regulierung. Für die Milchwirtschaft sieht Bijganath erhebliche Chancen, insbesondere bei der Optimierung von Produktionsprozessen, der Instandhaltung, Qualitätssicherung und Energieeffizienz. KI könne Fachwissen verfügbar machen, Störungen schneller beheben und Arbeitsabläufe automatisieren.
Bei der Auswahl geeigneter KI-Lösungen gelte es jedoch, die Versprechen der Anbieter zu hinterfragen. Entscheidend seien verlässliche Antworten, überprüfbare Quellen und gründliche Tests. Fehlerhafte Ergebnisse könnten zusätzliche Arbeit verursachen und das Vertrauen in die Technologie beschädigen. Bijganath empfahl, mit überschaubaren Projekten und klaren Zielen zu beginnen. Entscheidend sei nicht allein der Einsatz von KI, sondern der richtige Umgang damit. Seine Einschätzung: „Ich muss mir keine Sorgen darum machen, dass die KI meinen Arbeitsplatz klaut.“ Vielmehr sei im Vorteil, wer KI effizienter für seine Arbeit nutzt.
Zunehmende staatliche Regulierung
François-Xavier Huard vom französischen Milchindustrieverband FNIL zeichnete ein kritisches Bild der französischen und europäischen Agrarpolitik. Im Mittelpunkt stand die zunehmende staatliche Regulierung des Milchmarktes, die aus seiner Sicht immer stärker zur Belastung für die Molkereiwirtschaft wird. Besonders kritisch bewertete Huard das französische EGalim-Gesetz und das neue landwirtschaftliche Notstandsgesetz. Die politisch gewollte Absicherung der Erzeugerpreise durch gesetzliche Mindestpreiskorridore gehe an der wirtschaftlichen Realität vorbei. Während die Rohstoffkosten der Molkereien steigen, könnten entsprechende Preissteigerungen gegenüber dem Lebensmitteleinzelhandel häufig nicht durchgesetzt werden. Zudem ignorierten einheitliche Preisvorgaben die regional unterschiedlichen Produktionskosten. Huard warnte vor erheblichen Folgen: Bis zu 7 Mrd. Liter Milch und damit die Produktion von rund 14.000 Milchviehbetrieben könnten gefährdet sein. Er sprach deshalb von einem „Tunnel ohne Licht“.
Auch die Reform der GMO und die Überarbeitung der UTP betrachtete Huard mit Sorge. Eine Übertragung nationaler Preisregulierungen auf die europäische Ebene lehnt er entschieden ab. Statt weiterer staatlicher Eingriffe brauche die Branche Vertragsfreiheit, verlässliche Rahmenbedingungen und fairen Wettbewerb.
Deutliche Kritik übte Huard zudem an der schleppenden Umsetzung des Draghi-Berichts. Hohe Energiekosten, wachsende Bürokratie und fehlende Reformen gefährdeten die internationale Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Milchindustrie. Abschließend apellierte er an die deutsche und französische Milchwirtschaft, gemeinsam für eine europäische Agrarpolitik einzutreten, die faire Erzeugerpreise ermöglicht, ohne die Wettbewerbsfähigkeit der Molkereien durch immer neue Regulierungen zu schwächen.