MUH-Geschäftsführer Rainer Sievers (Foto: Wesselink) fand auf dem ‘Dairy
Unlimited Event’ am 10. Oktober im Rahmen der Anuga in Köln deutliche Worte zur
politischen wie auch zur Marktlage – hier
einige Auszüge.
Die
Milch steht im Brennpunkt. Es vergeht fast keinen Tag, an dem nicht in verschiedenen
Artikeln in den Berufsmedien und in überregionalen Zeitungen über die Schwierigkeiten
und über Probleme und über die Verhältnisse in der Milchindustrie geschrieben
wird." Das Wahljahr gab wahrscheinlich Anlass genug zu Protesten, allen
voran die Bundestags- und Europawahl. Die öffentlichen Auseinandersetzungen,
die wir in den letzen Wochen und Monaten erlebt haben, und die Art und Weise
wie sie geführt wurden, sind meines Erachten nach grenzwertig. Unser
Unternehmen war davon direkt betroffen. Wir alle, die in der Milchindustrie
tätig sind, haben Verständnis für die Situation der Landwirte. 20 oder 21 Cent
sind für einen Milchviehbetrieb einfach nicht ausreichend. Trotzdem ist die Art
und Weise, wie man mit einander umgeht,
so nicht zu akzeptieren. Der Milchgipfel, der bei der Kanzlerin Merkel stattfand,
sollte eigentlich die unterschiedlichen Interessengruppen zusammenzuführen. Mein
Eindruck ist allerdings, dass nach dem Treffen die Positionen nicht nur
verhärtet sind, ja, viel mehr noch, unüberbrückbar erscheinen. Es ist
bedauerlich, dass überhaupt keine Einigung zu erzielen ist.
Politischer Eiertanz
Eine
Anmerkung dazu: Ich nenne keine Namen, aber jeder weiß, wer gemeint ist. Wir haben in Deutschland die Situation, dass
die Spitzenleute der verfeindeten Interessensverbände aus Bayern kommen.
Wir haben zudem einen bayerischen
Ministerpräsidenten, der sich berechtigter Weise um das Wohl der Landwirte kümmert, und wir haben eine
nette bayerische Bundeslandwirtschaftsministerin. Die bayerische Landwirtschaftpolitik
scheint das Maß der bundesdeutschen Milcherzeugung und Milchpolitik zu sein. Ich
wünsche mir deshalb im Zuge der Koalitionsverhandlungen in Berlin, das wir eine
klare Position beziehen, damit der politische Eiertanz der letzten Wochen und
Monate zu einem Ende kommt. So kann es nicht weiter gehen.
Wir
haben als Molkerei die Aufgabe, die Produkte bestmöglich zu verwerten. Das machen
wir momentan mit relativ wenig Erfolg. Das ist bekannt. Es gibt sicherlich ein
paar Unterschiede, aber diese Unterschiede sind immer im Rahmen der politischen
Möglichkeiten begrenzt, also nur innerhalb der Bedingungen, die man mit der EU-Agrarpolitik zur Verfügung stellt.
Seit
langem war bekannt, in welche Richtung die EU ihre Rahmenbedingungen setzen
wird und so sollte man das Ganze auch nicht so hinstellen, als ob das für alle
eine große Überraschung war.
Für den
deutschen Markt ist zu sagen, dass vierzig Prozent exportiert werden, wiederum vierzig
Prozent werden importiert. Vom Volumen her ist das ein Nullsummenspiel. Bleiben
noch weitere 40 Prozent, die in den Lebensmitteleinzelhandel gehen; in
Deutschland ist dieser Handel nun mal sehr
vom Discount geprägt. Wir arbeiten sehr gut zusammen mit den Discountern. Die
Ergebnisse sind derzeit nicht zufriedenstellend, aber was ich nicht machen
werde, den erhobenen Finger auf diesen oder jenen zu richten.
Verhandlungen stehen an
Ich
bedauere, dass hier heute Abend sehr wenige, wenn überhaupt Vertreter des
Handels zu sehen sind. Vielleicht ist die Zeit jetzt auch zu brisant, um
Gespräche im Umfeld der jetzt aktuell stattfindenden Kontraktverhandlungen mit
Vertretern der Milchindustrie zu führen. Einige haben vielleicht erwartet, dass
hier Marken für die laufenden Kontraktverhandlungen gegeben werden. Aber das
werde ich nicht machen, ich gebe als Molkereivertreter keine Duftmarken für die
weitere Linie. Ab 11. November gibt es Zahlen.
Deutschland
ist keine Insel. Deutschland ist Teil der EU, und wir haben einen
liberalisierten Markt. Wenn ich Kommentare lese, wenn ich die Wünsche der Interessenvertreter
höre, denkt man, wir wären eine Insel. Insel heißt eben auch Gefangenschaft.
Wir haben aber einen liberalisierten Markt. Wir müssen uns dem Wettbewerb in
Europa und in der Welt stellen, eine anspruchsvolle Aufgabe, wir werden sie
aber auch lösen. Das geht sicherlich nicht ohne Strukturwandel.
Wir
werden einen permanenten und zukünftigen Strukturwandel haben, nicht nur in der
Landwirtschaft, sondern auch in der Molkereiindustrie. Wie es im Einzelnen aussehen
wird, dazu werde ich mich hier nicht äußern. Aber Hinweise gibt es ja auf der
ANUGA. So haben wir hier einen neuen großen Stand auf der ANUGA, den des
Nordkontors; und wir werden sehen, wie die großen Aufgaben bewältigt werden.
Die ANUGA
ist ein geeigneter Marktplatz, um über die aktuellen Themen zu diskutieren und
strategische Ziele auszutauschen. Ich freue mich auf die Gäste, die jedoch noch
nicht so reichlich gekommen sind, wie ich mir das eigentlich vorgestellt haben.
Bedanken möchte ich mich besonders bei den österreichischen Kollegen, weil sie die
– statt der nicht mehr existierenden CMA – Käsegedeck zur Verfügung gestellt
haben.