Nora Lahmann ist Nachhaltigkeits- Expertin der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen und seit Einführung der Klimaplattform in 2022 federführend an der Entwicklung beteiligt.
Bildquelle: N. Lahmann
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Quelle: Milch-Marketing Ausgabe März 2026

Transparente Klima-informationen

Die Klimaplattform Milch, ein Kooperations-Projekt, das im Auftrag der Fokus Milch GmbH mit fachlicher Unterstützung der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN) initiiert wurde, erfasst CO₂‑Bilanzdaten von deutschen Milchkuhhaltungen. Einerseits, um Transparenz gegenüber Handel und Verbrauchern zu schaffen, andererseits, um zugleich damit auch die Wettbewerbsfähigkeit der Molkereien zu sichern. Denn gerade internationale Kunden und der Lebensmittelhandel fordern zunehmend belastbare, vergleichbare Klimadaten entlang der Lieferkette.

Im nachfolgenden Interview mit „Milch-Marketing“ erklärt Nora Lahmann von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft Niedersachsen e.V. (LVN), warum diese Initiative für Molkereien und Handel gleichermaßen an Bedeutung gewinnt, warum sie offen für den Beitritt weiterer Molkereien ist, welche strategischen Vorteile sie bietet, und wie sie langfristig zu einer nachhaltigen Reduktion von Treibhausgasen beiträgt.

 

Milch-Marketing: Frau Lahmann, Sie begleiten die Klimaplattform Milch seit ihrer Einführung im Jahr 2022 federführend. Was war der Auslöser für die Entwicklung dieses Tools?

Nora Lahmann: Klimaschutz war zu der Zeit längst auch in der Nahrungsmittelindustrie ein zentrales Thema. Unternehmen verpflichteten sich zunehmend zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens und ließen ihre Klimaziele durch die Science Based Targets Initiative validieren. Dafür benötigten Molkereien verlässliche Informationen zum CO₂-Fußabdruck ihrer Produkte, wobei die Datenqualität zunächst sehr unterschiedlich war.

Milch-Marketing: Was waren die Herausforderungen der Molkereien und warum haben sie sich unter dem Dach der Fokus Milch GmbH zusammengetan?

Nora Lahmann: Eine Molkerei hat bereits bis auf die Nachkommastelle Kenntnisse darüber, wie viele Emissionen jeder einzelne Produktionsschritt auf Unternehmensebene verursacht.

Um mehr Transparenz in der Wertschöpfungskette zu schaffen, war eine flächendeckende und repräsentative Erfassung und Berechnung nötig, welche auf anerkannten Standards fußt und molkereiübergreifend vergleichbar ist. Unter dem Dach der Fokus Milch GmbH war genau diese molkereiübergreifende Zusammenarbeit möglich und sinnvoll.

Milch-Marketing: Wie hat sich die Klimaplattform Milch seitdem entwickelt?

Nora Lahmann: Die Klimaplattform Milch war die erste Initiative, die in diesem Umfang Klimabilanzierungen durchgeführt hat. Durch die benutzerfreundliche, digitale Lösung konnten wir gemeinsam mit sechs Molkereien innerhalb kürzester Zeit die Hälfte der Milcherzeuger Niedersachsens und somit etwa zehn Prozent der deutschen Betriebe erfassen.

Milch-Marketing: Welcher Standard ist ist hinterlegt und wie kann man damit eine bundesweite Vergleichbarkeit sicherstellen?

Nora Lahmann: Der Berechnungsstandard einzelbetrieblicher Klimabilanzierungen, kurz der BEK 2025, wird von verschiedenen fachlichen Institutionen, unter anderem der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, der Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen und der Landesanstalt für Landwirtschaft in Bayern, entwickelt und ist kompatibel mit den Vorgaben der internationalen Standards, wie der SBTi und der International Dairy Federation.

Milch-Marketing:  Was unterscheidet Ihr Modell von anderen CO₂-Bilanzierungsansätzen?

 Nora Lahmann: Die Klimaplattform Milch ist eine Lösung, die in Niedersachsen aus der Branche heraus entstanden ist, und das ist unsere Stärke. Wir sind nicht auf Profit, sondern auf Kosteneffizienz aus. Außerdem haben wir einen regen Austausch mit Molkereien, Milcherzeugern, wissenschaftlichen Institutionen und Verbänden. Die Datenhoheit bleibt bei den Landwirten und jegliche Weiterentwicklungen werden stets am runden Tisch entschieden. So haben wir eine hohe Akzeptanz in der gesamten Wertschöpfungskette erreicht und bleiben in allen Belangen auf dem aktuellsten Stand.

Milch-Marketing:

Zehn Molkereien, darunter das Deutsche Milchkontor, die Molkerei Ammerland, die frischli Milchwerke und FrieslandCampina Deutschland haben sich bereits der Arbeitsgemeinschaft angeschlossen. Welches Signal sendet dieses Engagement an Handel und Markenartikler?

Nora Lahmann: Die Milchbranche ist Vorreiter in Sachen Klimabilanzierung. Ohne diese Akteure würden wir in Deutschland immer noch mit unterschiedlichen Rechnern nicht vergleichbare Ergebnisse kalkulieren. Dank unserer Initiative und der intensiven Zusammenarbeit mit den fachlichen Institutionen berechnen nun fast alle Molkereien und auch die Fleischbranche auf Basis des BEK 2025. So sind auch diese Ergebnisse aus einer Hand und die Berichterstattung gegenüber dem Handel einheitlich. Ein starkes Signal, dass die Branche allein in der Lage ist, die Themen erfolgreich voranzutreiben.

Milch-Marketing: Der Lebensmitteleinzelhandel fordert bekanntlich verlässliche und überprüfbare Klimainformationen. Inwiefern schafft die Klimaplattform Milch hier eine belastbare Grundlage für die Kommunikation mit Handelspartnern?

Nora Lahmann: Wir fragen Daten ab, die ohnehin auf dem Milcherzeugerbetrieb vorliegen. Milchanlieferungsmengen, MLP-Berichte, HI-Tier-Daten und Futterrationen bilden die Grundlage für die Abfrage. Der Landwirt bekommt an den entsprechenden Stellen die Info, aus welcher Quelle er die Daten entnehmen soll. Dadurch lassen sich die Daten überprüfen. Langfristig soll die Validierung über Schnittstellen mit Datenbanken erfolgen. Soweit sind wir aber noch nicht.

 Milch-Marketing: Nachhaltigkeit wird zunehmend zu einem kaufentscheidenden Faktor. Wie kann die Klimaplattform Milch dazu beitragen, glaubwürdige Klimaleistungen gegenüber Handel, Politik und Öffentlichkeit darzustellen?

 Nora Lahmann: Wir schaffen Transparenz in der Wertschöpfungskette, obwohl wir uns nie anmaßen würden, das komplexe Thema der Nachhaltigkeit vollständig erfassen zu können. Das ist aber auch nicht unser Ansatz. Der CO2-Fußabdruck ist nur ein kleiner Teil der ökologischen Säule der Nachhaltigkeit, die auch Themen wie Biodiversität, Wasserverbrauch etc. beinhaltet. Dennoch lassen sich mit den Ergebnissen die Reduktion der Treibhausgase belegbar machen. Die Klimaplattform Milch leistet einen ganz wichtigen Beitrag für die Kommunikation: Sie zeigt sehr greifbar, dass die Branche in Bewegung ist und stetig daran arbeitet, sich weiterzuentwickeln.  Damit sendet sie eine wichtige und vertrauensbildende Botschaft an die Konsumenten.

 Milch-Marketing: Welche Rolle spielt die internationale Anschlussfähigkeit vor dem Hintergrund global agierender Handelsunternehmen und exportorientierter Molkereien?

Nora Lahmann: Eine sehr große. Ohne eine internationale Anschlussfähigkeit wären die Ergebnisse nicht brauchbar, da diese sehr intensiv für die Berichterstattung und Zielsetzung gegenüber internationalen Kunden genutzt werden. Die Kunden wollen und können sich nicht allein für ein Land mit zehn unterschiedlichen Methodiken auseinandersetzen. Die Standards helfen dabei, in Sachen CO2-Bilanzen eine gemeinsame Sprache zu sprechen.

Milch-Marketing: Abschließend gefragt: Welche Perspektive sehen Sie für Ihr Projekt? Und was würde ein breiterer Einsatz für die deutsche Milchwirtschaft bedeuten?

Nora Lahmann: Wir würden uns sehr über den Anschluss weiterer Molkereien an unserem Projekt freuen. Die Klimaplattform ist für alle deutschen Molkereien und Milcherzeugerbetriebe geeignet. Je mehr dabei sind, desto mehr Gewicht haben beteiligte Molkereien im Austausch mit Kunden, aber auch mit der gesamten Branche.

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