Die globalen Milchmärkte stehen an einem Wendepunkt, da steigende Betriebskosten und geopolitische Unsicherheiten die Margen unter Druck setzen und das Produktionswachstum in wichtigen Exportregionen bremsen. Nachdem das Wachstum der Milchmenge Ende 2025 seinen Höhepunkt erreicht hatte, verlangsamt es sich nun und dürfte im dritten Quartal 2026 stagnieren, bevor es später im Jahr zurückgeht. Die Lebensmittelpreisinflation – auch bei Milchprodukten – dürfte in den kommenden Monaten steigen und den Margendruck für Landwirte weiter erhöhen. Laut einem neuen RaboResearch‑Bericht liegt das wichtigste zukünftige Risiko in steigenden Inputkosten, die durch geopolitische Spannungen getrieben werden. Diese könnten den Rückgang der Produktion beschleunigen und die Marktvolatilität verstärken, so die Rabobank.
Wachstum der Milchproduktion verliert nach Rekordjahr an Dynamik
Die weltweite Milchproduktion stieg 2025 stark an, mit einem Spitzenwert von 5,2 % Wachstum im vierten Quartal – einem der stärksten Anstiege überhaupt. Diese Expansion geht nun jedoch deutlich zurück. RaboResearch schätzt für das zweite Quartal 2026 ein Wachstum von 1,5 %, gefolgt von Stagnation und einem erwarteten Rückgang von 1,6 % im vierten Quartal. Sollte dies eintreten, wäre es der erste vierteljährliche Rückgang seit Mitte 2024 und ein Zeichen für eine Marktbereinigung nach einer langen Phase des Überangebots.
Die Preisentwicklung innerhalb des Milchsektors verläuft uneinheitlich, erklärt Lucas Fuess, Senior Dairy Analyst bei RaboResearch. „Magermilchpulver treibt die jüngste Preiserholung an, während Käse- und Buttermärkte aufgrund reichlicher Versorgung unter Druck bleiben. Auch regionale Unterschiede sind deutlich: Die US‑Preise für Nonfat Dry Milk haben Rekordhöhen erreicht, während die europäischen Milchpreise stark gefallen sind und die Margen der Landwirte belasten.“
Inputkosten und Geopolitik verändern die Rentabilitätsaussichten
Die zunehmende Begrenzung des Milchangebots ist nicht auf die Nachfrage zurückzuführen, sondern auf steigende Kosten. Energie-, Düngemittel- und Finanzierungskosten steigen in den meisten Produktionsregionen, teilweise bedingt durch anhaltende Instabilität im Nahen Osten. Die ungelöste Lage in der Straße von Hormus erhöht die Unsicherheit auf den globalen Ölmärkten – mit Folgewirkungen auf landwirtschaftliche Betriebsmittel und Futterkosten.
Die höheren Kosten schmälern bereits die Rentabilität, insbesondere in Europa, wo die Milchpreise im vergangenen Jahr deutlich gefallen sind. Während einige Regionen – darunter die USA und Neuseeland – relativ stabile oder unterstützende Milchpreisaussichten haben, deutet der übergeordnete Trend auf eine Margenkompression hin. Diese Entwicklung dürfte künftig eine zentrale Rolle bei der Begrenzung des Produktionswachstums spielen.
Nachfrageseite: Widerstandskraft trifft auf Inflation und Konsumdruck
Auf der Nachfrageseite bleibt der Konsum durch strukturelle Trends wie das anhaltende Interesse an proteinreichen Produkten gestützt. Allerdings beginnen steigende Lebensmittelpreise und eine schwächere Kaufkraft der Verbraucher das Kaufverhalten zu verändern. Eine wachsende Kluft zwischen Haushalten mit hohem und niedrigem Einkommen dürfte die Nachfrage sowohl im Einzelhandel als auch in der Gastronomie beeinflussen.
Gleichzeitig erhöhen makroökonomische Unsicherheiten und geopolitische Störungen die Volatilität im globalen Handel. Der internationale Milchhandel sieht sich zunehmenden Risiken ausgesetzt, da Störungen im Nahen Osten und veränderte Konsummuster die Unsicherheit für den Rest des Jahres erhöhen. Wie Fuess betont: „Es entsteht ein sensibles Margengleichgewicht, bei dem alle auf den Druck durch steigende Inputkosten schauen.“
Ausblick: Angebotsrückgang wahrscheinlich angesichts zunehmenden Gegenwinds
In den kommenden Monaten und bis ins Jahr 2027 erwartet RaboResearch eine deutliche Verlangsamung des globalen Produktionswachstums – mit der Möglichkeit eines echten Rückgangs in wichtigen Regionen. Diese Prognose hängt von anhaltendem Kostendruck sowie von unsicheren Entwicklungen auf den Energie- und geopolitischen Märkten ab.
„Wetterrisiken gewinnen an Bedeutung, insbesondere da ein starkes El‑Niño‑Ereignis immer wahrscheinlicher wird. Das könnte die Produktion weiter beeinträchtigen, vor allem auf der Südhalbkugel“, erklärt Fuess. „Gleichzeitig werden Veränderungen im Verbraucherverhalten – getrieben von Inflation und Gesundheitstrends – entscheidend dafür sein, wohin sich die Preise entwickeln.“
„Der Markt bewegt sich in Richtung eines ausgeglicheneren Verhältnisses von Angebot und Nachfrage, aber die Unsicherheit bleibt hoch. Letztlich wird es darauf ankommen, wie sich Kostendruck, Geopolitik und Konsumverhalten künftig gegenseitig beeinflussen.“